Ein Geschenk, an das viele schon nicht mehr glaubten, wird nun wirklich Realität. Für Taucha und für ganz Deutschland ist der Tempel eine Sensation.
Neun Jahre nach der Grundsteinlegung und mehr als 13 Jahre nach der ersten Idee ist das Projekt an einem Punkt angekommen, den viele kaum noch für möglich gehalten hätten: Auf der Baustelle des buddhistischen Tempels Chân Tịnh Thiền Viện in Taucha wurde am Freitag Richtfest gefeiert. Seit Anfang Juni errichten vier traditionelle Holzkunsthandwerker aus Vietnam das außergewöhnliche Bauwerk. Was jahrelang vor allem aus Hoffnungen, Behördengängen und eingelagerten Holzteilen bestand, wächst nun täglich sichtbar in die Höhe.
Dass überhaupt gebaut werden kann, grenzt für die Beteiligten beinahe an ein Wunder. Die Grundidee entstand bereits 2013 gemeinsam zwischen dem Ehrwürdigen Thích Minh Tuệ, Abt der Vạn-Niên-Pagode in Hanoi, und dem Tauchaer Quang Vinh Dao. 2017 wurde der Grundstein gelegt, 2018 trafen die in Vietnam vorgefertigten Holzelemente in neun Seecontainern in Taucha ein. Danach folgten jahrelange Verzögerungen, weil es keine rechtliche Grundlage gab, den vietnamesischen Spezialisten die Visa für den Aufbau eines Tempelgeschenks zu erteilen.
Erst nach mehrmaligen intensiven Gesprächen mit deutschen und vietnamesischen Behörden, vor allem initiiert von Architekt Marco Stelzel, gelang eine Lösung. Für die Initiatoren ist das heutige Richtfest deshalb weit mehr als ein symbolischer Meilenstein, sondern auch ein Fest der Freude.
Diese Pagode steht für den Wunsch, einen dauerhaften Ort des Buddhismus und der Begegnung zwischen Vietnam und Deutschland zu schaffen.
Beeindruckend ist dabei nicht nur die Architektur, sondern auch die Art, wie sie entsteht. Baupläne sucht man auf der Baustelle vergeblich. Teamleiter Nguyễn Văn Tuấn und seine Kollegen tragen die gesamte Konstruktion im Kopf. Über drei Jahre fertigten sie gemeinsam mit weiteren Kunsthandwerkern sämtliche Holzteile in Vietnam an. Seit Anfang Juni setzen sie diese nun in Taucha Stück für Stück zusammen.
Architekt Marco Stelzel spricht von einer jahrhundertealten Handwerkstradition: „Das ist Handwerkswissen aus dem Mittelalter.“ Die Konstruktion entsteht ausschließlich durch passgenaue Holzverbindungen. Nach seinen Angaben entsteht damit nach einem Tempel im japanischen Nagano hier in Taucha der zweitgrößte Tempel dieser Bauweise – und der einzige in Europa. Die kunstvollen Schnitzereien zeigen Drachen, Phönix, Schildkröten, mystische Figuren und florale Ornamente, die in der asiatischen Kultur eine besondere symbolische Bedeutung besitzen.
Für Architekt Marco Stelzel ist das Richtfest der Lohn jahrelanger Arbeit. Er gehörte zu denjenigen, die nie aufgaben und gemeinsam mit Behörden in Deutschland und Vietnam nach einer Lösung suchten.
„Wir sind froh und glücklich, dass wir es geschafft haben, nach vielen Jahren gemeinsam eine Lösung zu finden, unter welchen Bedingungen die Handwerker nach Deutschland kommen dürfen“, sagte Stelzel. Dass dies gelungen sei, sei keineswegs selbstverständlich gewesen. „Ein Geschenk aufzubauen, das nicht gewerblich betrieben wird, sondern religiösen Zwecken dient – dafür gab es keine einfache Lösung nach deutschem Recht“, berichtet er weiter.
Nach der Visa-Erteilung seien die Handwerker Anfang Juni nach Deutschland gekommen. „Vor acht Wochen haben wir fast überraschend die Visa bekommen. Natürlich haben wir das sofort genutzt und losgelegt“, so Stelzel.
Wie viel persönliches Herzblut in dem Projekt steckt, machte Stelzel ebenfalls deutlich. „Ich verdiene kein Geld damit. Ich bin weder religiös, noch stehe ich dem Buddhismus nahe. Aber ich bin im Osten in Anstand und Würde groß geworden und habe immer daran geglaubt“, veranschaulicht er sein Engagement. Besonders hebt er die übergreifende Zusammenarbeit hervor: „Am Ende haben alle Behörden Hand in Hand gearbeitet. Es gab viel Vertrauensvorschuss von allen.“
Die derzeitigen Visa gelten zunächst für ein halbes Jahr. Stelzel hofft, im kommenden Frühjahr bereits die Einweihung feiern zu können.
Auch Bürgermeister Tobias Meier blickte beim Richtfest auf die ungewöhnliche Geschichte zurück. Viele Einwohner hätten sich in den vergangenen Jahren immer wieder erkundigt, ob der Tempel jemals gebaut werde. „Jetzt können wir ihn der Öffentlichkeit zeigen“, sagte Meier. „Die Tauchaer sind neugierig, stehen am Zaun, machen Fotos. Manche kommen sogar mit Eis vorbei und versorgen unsere Arbeiter.“ Das zeige, wie positiv das Projekt inzwischen aufgenommen werde.
Mit einem Schmunzeln erinnerte der Bürgermeister an einen Satz von Quang Vinh Dao aus den vergangenen Jahren: „Macht euch keine Sorgen. Wenn Buddha sagt, es ist soweit, dann passiert das auch.“ Meier ergänzte: „Es scheint jetzt so zu sein. Du hast Recht behalten.“
Für die Stadt ist der Bau weit mehr als ein religiöses Gebäude. Meier sieht darin einen kulturellen und wirtschaftlichen Impuls. „Das wird ein kulturelles Objekt, das über Taucha hinausstrahlt“, sagte er. Bereits vor einigen Jahren sei in der Portitzer Straße eine Pension entstanden – auch in der Hoffnung auf Besucher des Tempels. Künftig sollen neben buddhistischen Veranstaltungen viele kulturelle Angebote entstehen, die allen Interessierten offenstehen.
Der Tempel selbst sei nur der Anfang. Geplant sind weitere Nebengebäude, ein traditionelles Eingangstor nach dem Vorbild des Khuê Văn Các in Hanoi, Räume für die vietnamesische Teekultur sowie später ein veganes Restaurant im Bahnhofsgebäude.
Dass die besondere Bauweise auch deutsche Handwerker fasziniert, zeigte sich beim Richtfest ebenfalls. Mit Paul Ruhland aus Landshut und Walter Legis aus Berlin arbeiten zwei reisende Zimmerer auf der Baustelle mit. Sie möchten die jahrhundertealte asiatische Holzbautechnik kennenlernen und sammeln praktische Erfahrungen direkt an der Pagode. Die vietnamesischen Meister hätten ihnen sogar angeboten, die traditionelle Bauweise einmal vor Ort in Vietnam kennenzulernen. „Eine großartige Chance“, so Paul Ruhland.
Bis zum Frühjahr kommenden Jahres soll der Tempel soweit fertig sein, dass die Einweihung gefeiert werden kann. Nach der Projektplanung sollen das Hauptgebäude, das Eingangstor, der Zaun sowie 16 Räume für die traditionelle Teekultur Ende 2026 fertiggestellt sein. Die vollständige Anlage mit weiteren Gebäuden und Außenanlagen soll bis 2028 entstehen.
Für Taucha endet damit eine ungewöhnliche Geschichte voller bürokratischer Hürden – und beginnt zugleich ein neues Kapitel: Aus einem jahrelangen Versprechen wird nun Stück für Stück ein Bauwerk, das es in Europa kein zweites Mal gibt.
Standort: Bahnhofstraße 1 in Taucha, direkt neben dem Bahnhof
Grundstück: rund 2.000 Quadratmeter
Hauptgebäude: etwa 280 Quadratmeter Grundfläche
Baumaterial: Rote Lärche aus Kanada
Bauweise: Traditionelle vietnamesische Holzbaukunst mit passgenauen Zapfen- und Steckverbindungen, vollständig ohne Nägel oder Metallverbindungen
Handwerker: 20 Kunsthandwerker fertigten die Holzteile von 2014 bis 2017 in Vietnam. Vier von ihnen montieren den Tempel derzeit in Taucha.
Transport: 2018 kamen die Bauteile in neun Seecontainern nach Deutschland.
Zeitplan:
Nutzung: Die Pagode soll buddhistisches Gotteshaus, Ort der Begegnung und kulturelles Zentrum sein. Sie wird allen Besuchern offenstehen – unabhängig von Religion oder Herkunft.