Im Vorfeld des Bürgerentscheids am Sonntag, 7. Juni 2026, verstärkt sich der öffentliche Schlagabtausch um das geplante Gewerbe- und Industriegebiet (GI/GE) bei Merkwitz. Während die Bürgerinitiative (BI) mit einer Reihe von „Mythos vs. Fakten“-Grafiken gegen das Vorhaben mobilisiert, hat die FDP Taucha nun offensiv ihre Pro-Haltung deutlich gemacht. Unter der Verantwortung der FDP-Ortsvorsitzenden Anka Thierfelder ist dafür eine eigene Website online gegangen, die die Argumente für eine Fortführung des Bebauungsplans bündelt.
Thierfelder begründet das Engagement mit dem Eindruck, dass die Befürworter bislang zu leise waren. „Es gibt viele Leute, die pro sind, die das aber nicht deutlich machen“, sagt sie. Der Auslöser sei für sie ein Moment im Alltag gewesen. Beim Friseur habe sie Broschüren der Bürgerinitiative gesehen. „Da dachte ich mir: Das stimmt ja alles so nicht“, so Thierfelder. Besonders ein Flyer mit „rauchenden Schloten und traurigen Kindern“ habe sie irritiert. „Da dachte ich mir: Was denken die, was hier hinkommt? Das wird doch kein zweites Espenhain“, sagt sie weiter.
Aus ihrer Sicht geht es dabei nicht um eine Abwertung der Gegner, sondern um eine Korrektur dessen, was sie als verzerrte Darstellung empfindet. „Was mich dazu bewogen hat, die Website zu erstellen, ist vor allem Aufklärung. In den Flyern wird viel gemutmaßt und teils mit falschen Argumenten gespielt“, sagt Thierfelder. Ihr Anspruch sei, Debatten nicht über Bilder und Zuspitzungen zu führen, sondern über überprüfbare Aussagen. „Wenn schon mit Fakten argumentieren, dann richtig.“
Ein zentrales Problem sieht die FDP auch in der Abstimmungslogik. Der Entscheidungsvorschlag beim Bürgerentscheid lautet, die Fortführung des Bebauungsplanverfahrens einzustellen. Wer die Planung weiterlaufen lassen will, muss daher mit Nein stimmen. „Die Fragestellung ist natürlich schwierig“, sagt Thierfelder. „Und es ist wichtig, zu erklären, dass man Nein sagen muss, um das Gebiet zu ermöglichen.“
Inhaltlich setzt die FDP auf mehrere Linien. Ein Kernpunkt ist die Verkehrsfrage. Die BI warnt in ihren Motiven vor zusätzlichem Pendler- und Lieferverkehr und damit vor einer Mehrbelastung. Thierfelder hält dagegen, dass sich Verkehr in der Praxis vor allem an der leistungsfähigsten Route orientiere. „Da fährt doch niemand freiwillig durch Merkwitz und Seegeritz, wenn er doch eine gut ausgebaute Straße wie die B2 und BMW-Allee hat“, sagt sie. Die Stadt Taucha argumentiert in ihrem FAQ ähnlich und verweist auf die geplante Hauptanbindung über die BMW-Allee und die A14. Eine reguläre Zufahrt durch Merkwitz sei nicht vorgesehen.
Ein weiterer Konfliktpunkt ist das Landschaftsbild. In den BI-Grafiken spielt die Sorge vor „Versiegelung“ und dem Verlust landwirtschaftlicher Fläche eine zentrale Rolle. Thierfelder beschreibt dagegen ein anderes Szenario. Vor dem Gebiet solle ein breiter Grünstreifen entstehen. „Da kommen großflächig Bäume, Blumenwiesen und so weiter“, sagt sie. Die Folge sei aus ihrer Sicht nicht ein „Industrieblick“, sondern eine abgeschirmte Perspektive. Sie erwartet sogar einen Zugewinn für Artenvielfalt. „Zum Schluss leben dort mehr Tiere und Pflanzen als jetzt“, sagt Thierfelder. Am Ende entstehe ein Umfeld, dass ökologisch wertvolle sein könnte, als der jetzige Acker.
Auch zur Flächenversiegelung widerspricht die FDP-Ortschefin der BI-Argumentation. „Die BI redet von versiegelter Fläche. Es gibt aber sehr viele Auflagen. Komplett versiegelt ist kaum noch etwas. Es gibt Möglichkeiten, dass Wasser versickern kann“, sagt Thierfelder. Sie verweist zudem auf Begrünung und technische Standards, die aus ihrer Sicht ein „modernes“ Gebiet ausmachen würden. „Es sollen ja grüne Dächer kommen, Solaranlagen, viel Begrünung. Wir müssen das Bild bei den Leuten ein bisschen gerade rücken“, sagt sie.
In der Abwägung zwischen kompletter Ablehnung und möglichen Anpassungen positioniert sich die FDP klar. Thierfelder betont, die Städte Taucha und Leipzig seien „sehr bemüht“ gewesen, den Merkwitzern entgegenzukommen. Sie nennt als Beispiele eine Verkleinerung des Gebiets und einen vergrößerten Schutzstreifen. „Es gibt auch sicher weiterhin Möglichkeiten zur Mitbestimmung“, sagt sie. Ein grundsätzliches Stoppsignal hält sie jedoch für falsch.
Damit setzt sie einen Gegenakzent zur Bürgerinitiative, die das Vorhaben insgesamt stoppen will. In ihrer Kampagne versucht die BI, Aussagen wie „Das Industriegebiet bringt sofort viele Arbeitsplätze“ oder „Es ist schon klar, was dort gebaut wird“ zu relativieren und betont stattdessen Unsicherheiten, lange Zeithorizonte und Risiken. Die FDP hält dem entgegen, dass die Stadt wirtschaftliche Entwicklungsspielräume brauche und dass nicht jede offene Frage automatisch gegen das Projekt spreche. Thierfelder verweist in diesem Zusammenhang auch auf ein mögliches finanzielles Argument. „Es gibt sicher viele Tauchaer, die das Thema gar nicht interessiert, aber eben auch viele Leute, die durchaus daran interessiert wären, dass mehr Gewerbesteuern in die Stadt kommen.“
Auf beiden Seiten ist inzwischen erkennbar Mobilisierung im Gange. Die Bürgerinitiative hat einen WhatsApp-Kanal gestartet, um möglichst viele Tauchaer zu erreichen und bis zum 7. Juni zu aktivieren. Die FDP setzt mit ihrer Website auf eine klare Pro-Kampagne.
Bürgerinformationsveranstaltung der Stadt
Donnerstag, 07.05.2026, 17:00–19:00 Uhr
Kulturscheune, Haugwitzwinkel 1, 04425 Taucha
Anmeldung: https://mitdenken.sachsen.de/1062808
Bürgerentscheid zum Bürgerbegehren „GE/GI Merkwitz“
Sonntag, 07.06.2026
Abstimmung in den Wahllokalen, Briefwahl möglich (Infos der Stadt folgen)