Das Städtische Museum Taucha ist im März 100 Jahre alt geworden. Was 1926 mit einem Ausschuss zur Einrichtung und Betreuung eines Heimatmuseums begann, hat sich über Jahrzehnte zu einem umfangreichen Gedächtnis der Stadt entwickelt. Die Wanderschaft des Museums ist dabei selbst ein Stück Stadtgeschichte: Sie ist geprägt von provisorischen Räumen, Umzügen, Auslagerungen, Wiedereröffnungen und der Frage, wie sich Vergangenheit bewahren lässt, ohne sie nur in Vitrinen einzuschließen.
Vor über 100 Jahren, am 19. März 1926, tagte erstmals der Ausschuss „für Errichtung und Betreuung eines Heimatmuseums“. Der damalige Anspruch war trotz knapper Mittel groß. Bereits im April desselben Jahres entstand im ehemaligen Krankenhaus „Am Schmiedehöfchen“ ein Ausstellungsraum. Gezeigt wurden zunächst Naturalien, Kunstwerke, Fotografien und weitere Sammlungsstücke. In den folgenden Jahren wurde die Sammlung im Krankenhausgebäude nach und nach für Museumszwecke hergerichtet. 1933 wurde das Museum im Zuge des Heimatfestes, das damals schon „Tauchscher“ hieß, noch unvollendet der Öffentlichkeit übergeben.
Doch schon kurz darauf begann die Wanderschaft des Museums. 1935 baute die Stadt das Gebäude Am Schmiedehöfchen zu Wohnzwecken um. Die Ausstellung kam zunächst provisorisch im Ratssaal unter. 1939 zog sie in Räume des Tauchaer Stadthauses auf dem Hof des Rathauses ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlten zunächst geeignete Räume. Die Museumsstücke wurden deshalb an verschiedenen Orten eingelagert, unter anderem auf Dachböden des Rathauses, des Krankenhauses und der Schulen. Anfang der 1950er Jahre wurde ein Gebäudeteil des Stadthauses wieder hergerichtet. Im November 1952 konnte die heimatgeschichtliche Ausstellung dort mit einem Festakt neu eröffnet werden.
Auch dieser Standort blieb nicht dauerhaft. Als das Stadthaus später für andere Zwecke gebraucht wurde, folgte der nächste Umzug: diesmal an den Marktplatz, in das frühere Amtsgebäude Ernst-Thälmann-Platz. Doch auch dort konnte das Museum nicht lange bleiben. 1969 mussten die Räume wieder aufgegeben werden. Es folgte der Umzug in das Gebäude Eilenburger Straße 8, die heutige Brauhausstraße 24. Dieser Standort prägte das Museum über Jahrzehnte. Viele Tauchaer verbinden ihre Erinnerung an das Museum noch immer mit diesem Haus. Heute sind dort noch die Stadtbibliothek und das Restaurant Bacchus Keller untergebracht. Für die Stadtbibliothek entsteht aktuell auf dem Rittergutsschloss im Haus 9 eine neue Heimat.
Im Jahr 1987 musste das Gebäude Brauhausstraße 24, eines der ältesten Tauchaer Bürgerhäuser, baupolizeilich gesperrt werden, weil es stark verfallen war. Dennoch gelang es, das Haus aufwendig zu sanieren. 1995 konnte dort erneut ein Heimatmuseum eröffnet werden. Für viele Besucher wurde gerade diese Zeit zum vertrauten Bild des Tauchaer Museums.
Im Jahr 2004 musste das Museum allerdings verkleinert werden, denn die Stadtbibliothek brauchte Platz. Die Ausstellung wurde aufgegeben, große Teile der Sammlung kamen in Dachböden und Kellerräume. Später wurden zahlreiche Objekte in das Tauchaer Schloss gebracht, während ein Teil der Sammlung weiterhin unter ungünstigen Bedingungen eingelagert war. Erst mit der Sanierung des linken Flügels des Rittergutsschlosses fand die lange Reise ein Ende. Im Herbst 2022 konnte das Museum dort einziehen. Heute verfügt es wieder über geeignete Räume für die Dauerausstellung, wechselnde Sonderausstellungen und ein Magazin für die Sammlung.
Für Museumsleiterin Ricarda Döring ist der neue Standort mehr als nur eine bessere Adresse. Er schafft auch die Voraussetzungen, die Sammlung angemessen zu bewahren, zu ordnen und zu vermitteln, wie sie bei einem Rundgang durch das Magazin erzählt: „Das Museum hat in den vergangenen 100 Jahren viele Alltagsgegenstände bekommen, die die Leute nicht mehr brauchten, im Keller gefunden oder geerbt haben“, sagt Döring. Gerade diese Dinge seien für die Arbeit des Museums wichtig. An ihnen lasse sich zeigen, „wie die Leute gelebt haben, wie der Alltag war“. Besonders für Kinder werde Geschichte so anschaulich. „Man kann erklären, wie man früher Licht gemacht hat, vor allem mit Kerzen oder Öllampen, was die verheerenden Stadtbrände erklärt.“
Die Sammlung ist inzwischen so umfangreich, dass nicht mehr alles aufgenommen werden kann. Entscheidend ist heute vor allem der Bezug zu Taucha. Döring nennt als Beispiel mehrere auf den ersten Blick unscheinbare Stühle. Sie stammen aus der früheren Gerichtsschänke und haben Intarsien in der Sitzfläche. „Wir haben eine alte Ansichtskarte gefunden, auf der diese Stühle zu sehen sind“, sagt Ricarda Döring. „Das macht eine Aura aus. Dann kann man sagen: Auf diesen Stühlen haben früher Menschen in der Gerichtsschänke gesessen. Das unterscheidet sie von einem normalen Holzstuhl.“
Ähnlich verhält es sich mit einem Kaffeeservice aus dem Café Sitz, Kleiderbügeln des Modehauses Fischer oder Notizblöcken aus dem VEB Favorit Taucha, später Zeltaplan. Auch Stoffbahnen aus der Reichstagsverhüllung von Christo und Jeanne-Claude im Jahr 1995 gehören zur Sammlung. In Taucha wurden damals bei Zeltaplan Bahnen genäht, die später Teil des international beachteten Kunstprojekts wurden.
Ein weiterer Schwerpunkt ist altes Handwerk. Werkzeuge, deren Funktion heute nicht mehr selbstverständlich ist, werden recherchiert und dokumentiert. „Wenn wir nicht wissen, was man mit diesem oder jenem Handwerkszeug gemacht hat, suchen wir in alten Büchern und Unterlagen nach“, erklärt Döring. So bleibt nicht nur der Gegenstand erhalten, sondern auch das Wissen um seine Nutzung.
Aktuell lagern im Museum auch Teile des alten Figaro-Friseurs. An der Kreuzung in Taucha war über 68 Jahre lang ein Friseur ansässig. Vor wenigen Tagen, also jetzt im April 2026, wurde das Geschäft geschlossen. Für das Museum sind solche Stücke wichtig, weil sie jüngere Stadtgeschichte greifbar machen. Nicht alles, was historisch bedeutsam ist, muss Jahrhunderte alt sein.
Dabei verändert sich auch die Museumsarbeit selbst. Es geht längst nicht mehr nur um Dinge, die in Regalen, Magazinen oder Vitrinen stehen. Eine große Rolle spielt die Digitalisierung. Die Museumsleiterin verweist auf die Arbeiten des Stadtfotografen Joachim Görlich. Viele Fotos würden derzeit gesichtet, sortiert und digitalisiert. „Ein Museum muss nicht nur physische Stücke beherbergen, sondern eben auch Digitales“, sagt sie. Auch zahlreiche Dias seien bereits digitalisiert worden. Das brauche Zeit. „Wir sind ja nur zu zweit, Birgit Richter und ich.“
Zum Jubiläum zeigt sich, wie eng die Geschichte des Museums mit der Stadt verbunden ist. Es bewahrt nicht nur herausragende Objekte, sondern auch scheinbar kleine Spuren des Alltags. Gerade sie erzählen, wie Menschen in Taucha gewohnt, gearbeitet, gefeiert und gelebt haben.
Ricarda Döring lädt deshalb auch weiterhin dazu ein, mögliche Sammlungsstücke nicht einfach wegzuwerfen. „Wenn jemand glaubt, er hat etwas, das für das Museum interessant sein könnte, kann er sich gern an uns wenden“, sagt sie. Entscheidend sei nicht der materielle Wert, sondern die Geschichte dahinter und der Bezug zur Stadt.
Der Besuch im Städtischen Museum Taucha ist kostenfrei. Die aktuelle Dauerausstellung erzählt auf 160 Quadratmetern die Geschichte unserer Stadt. Historische Geschehnisse und die Auswirkungen auf Taucha, der Alltag der Stadtbevölkerung, Betriebe, Menschen und viele Sammlungsobjekte werden gezeigt.
Die nächste Sonderausstellung ist bereits angekündigt: Vom 17. Mai bis 31. Oktober 2026 zeigt das Museum „Die Natur in Pastell – Pastelle von Christbert Steude“.
Bis November ist das Museum zudem jeden 4. Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr geöffnet.